BILDERBÜCHER ENTDECKEN

Im KRONENKLAUER Nr. 19 stellen wir Bilderbücher vor, die uns im Meer der Bilderbuch-Produktion ins Auge fielen. Die meisten sind noch neu auf dem Markt, es sind aber auch ein paar alte dabei. Sehen muss und kann gelernt werden wie Lesen. Die Kenntnis der Bildsprache, ihrer Strukturen, Materialien und spezifischen Mittel hilft, sie zu entschlüsseln, in der Bilderflut nicht zu ertrinken und gegenüber der manipulativen Kraft der Bilder Distanz zu gewinnen. Das Betrachten von Bilderbüchern ist ein Mosaikstein im Prozess des Bilder-Lesenlernens, jedenfalls finden wir es wichtig, dass Kinder Zugang zu verschiedensten Arten von Buchbildern haben, damit sie eine differenzierte bzw. differenzierende Wahrnehmung entwickeln können. Also weg von immer der gleichen Machart, der gleichen Farbigkeit, der gleichen Perspektive hin zu Vielfältigkeit und Mehrdimensionalität, und auch ruhig zur Herausforderung durch das Überschreiten von Sehgewohnheiten. Die hier versammelten Rezensionen wollen diese Forderungen konkretisieren und einen genaueren Blick bei der Auswahl von Bilderbüchern anregen.

Liste der besprochenen Titel:


 

Jörg Müller:

Der standhafte Zinnsoldat

Verlag Sauerländer 1996, 7,90 €, ab 4 Jahren
In Anlehnung an das Märchen von H.Chr. Andersen hat Jörg Müller die Geschichte vom standhaften Zinnsoldaten neu erfunden: Die Geschichte spielt heute, die Prinzessin ist eine Barbiepuppe, die mit dem Soldaten zusammen auf Reisen geht, die Reise führt aus einem europäischen Kinderzimmer über einen Sperrmüllhaufen in die Kanalisation einer Großstadt. Im Bauch eines Fisches geht es weiter übers Meer nach Afrika auf eine Müllhalde, wo die beiden von einer schwarzen Frau aufgesammelt und schließlich zum Spielzeug eines Kindes, das im Slum wohnt, werden. Bis ein weißer Tourist vorbeikommt, dem Kind den Zinnsoldaten und die Barbiepuppe samt selbstgebasteltem Blechauto abkauft, und die ganze Odysse nach einer Flugreise nach Europa in einer Glasvitrine eines Völkerkundemuseums endet. Dort sitzen die beiden auf Ewig in ihrem Blechauto. Das Buch kommt völlig ohne Text aus, die einzelnen Bilder und die Bildfolge erzählen die Geschichte. Je nach Alter, Erfahrungshorizont und Stimmung wird der/die BetrachterIn „seine/ihre“ Geschichte daraus lesen: als abenteuerliche Reise, als zeitkritische Geschichte, als Liebesgeschichte... Die ganz- und doppelseitigen Bilder sind überwiegend in bedeckten, schmuddeligen Grau-, Braun- und Gelbtönen gemalt, wodurch sie einen nüchternen, realistischen Eindruck vermitteln. Nur gelegentlich verwendet der Maler kräftigere bis leuchtende Farben, so zum Beispiel bei der Darstellung des Kinderzimmers. Auch der Ozean und der Himmel an der afrikanischen Küste heben sich leuchtend von der sonstigen Farbgestaltung ab und vermitteln den Eindruck von Südseeromantik. Die Darstellung des Flughafens und der Glasvitrine, in der die beiden Protagonisten schließlich landen, erzeugen durch die Verwendung von Weiß und sehr hellen Farben ein Gefühl von Kälte. Ungewöhnlich an diesem Buch ist die „Kameraführung“. Die Geschichte ist über weite Strecken aus der Frosch- bzw. Zinnsoldatenperspektive gemalt. Erst als Zinnsoldat und Barbiepuppe endgültig vereint werden, wechselt die Perspektive in die Normalsicht. Die Darstellung der Kanalisation und des offenen Meeres weisen sehr große Tiefe auf, so daß man sich die lange Reise gut vorstellen kann, ebenso der Blick über die Müllhalde und den Slum aus Bauchhöhe der Müllsammlerin, wodurch der Müllberg riesig erscheint. Die Protagonisten sind auf fast allen Bildern nur sehr klein dargestellt, außer in den aufregenden Momenten ihrer Reise, da sind sie in Großaufnahme zu sehen. Das Dargestellte weist verschiedene Gegensatzpaare auf: Der Blick auf die Skyline einer afrikanischen Großstadt von den Müllhalden aus einerseits, der Blick von der Terasse des „Hotel Paradiso“ auf eine ebensolche andererseits. Die Darstellung des europäischen Mittelschichts-Kinderzimmers steht im Gegensatz zum Lebensraum des afrikanischen Slumkindes: hier viel Spielzeug aber große Distanz zum Vater, dort eigentlich nur Müll als Spielzeug, aber ein Vater, der beim Basten hilft; hier kühle Farben und große Bildtiefe, dort warme Farben und Bildenge, wodurch ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt wird. So entdeckt man bei häufigerem Betrachten immer wieder Neues, immer wieder Parallelen und Widersprüche, entsteht immer wieder eine etwas andere Geschichte, wirft die Geschichte neue Fragen auf.

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Günter Bruno Fuchs:

Ein dicker Mann wandert

Hanser Verlag 1995, 12,90 €, ab 2 Jahren
Das 1967 erstmals erschienene Buch erzählt eine ganz einfache Geschichte von einem dicken Mann, der, von Vogel und Sonne aufgefordert, sein Haus verläßt und wandert. Auf seiner Wanderung trifft er verschiedene Gegenstände und Lebewesen (Schrank, Lehrerin, Fuchs, Vogelscheuche, Vogel, Mond) mit denen er jeweils ein kleines Schwätzchen hält. Am Abend kehrt er vom Mond aufgefordert nach Hause zurück und trifft dort überraschend auf einen Mann, der genauso aussieht wie er, der sein Bruder ist. Die beiden tanzen zusammen „und morgen wandern sie zu zweit ...“. Der Text des Buches ist in ganz einfachen Sätzen und sich ähnelnden Dialogen erzählt, so wie auch kleine Kinder sich eine Geschichte ausdenken und erzählen könnten. Die Illustrationen sind unter Verwendung einer Drucktechnik in den klaren, nicht miteinander vermischten Farben Rot, Blau, Grün, Gelb und Schwarz erstellt. Die Verwendung der Farben weicht dabei teilweise von der Realität ab: Der Mann hat einen grünen Kopf, bei der Lehrerin ist das Gesicht genauso grün wie ihre Kleidung, der Fuchs hat einen roten Kopf, der Vogel ist am Morgen fast ganz grün, am Abend so blau wie der Abendhimmel. Die Bildinhalte sind in groben Zügen dargestellt und beschränken sich auf das Wesentliche: Das 1. Bild zeigt z.B. den Mann auf einem Stuhl sitzend mit Fußbank und ein Fenster mit Blume (Text: „In seiner Stube sitzt der dicke Mann auf seinem Stuhl“). Es gibt keine Bildtiefe, die Perspektive bleibt auf Augenhöhe, Nahaufnahmen und Darstellungen in der Totalen wechseln sich ab. Insgesamt erwecken die Bilder den Eindruck naiver, kindlicher Darstellungsweise. Die einzelnen Bilder und der darunter gesetzte Text sind jeweils von einem rechteckigen, farbigen Rahmen eingefaßt. An zwei Stellen befindet sich an Stelle des Bildes ein längerer Text, wodurch die Spannung der Geschichte gesteigert wird. Gegen Ende des Buches zum Beispiel sieht man den Mann erstaunt durch das Fenster in sein Haus gucken, die daneben liegende Seite ist voll Text, in demVermutungen darüber anstellt werden, was der Mann wohl sieht. Erst beim Umblättern wird das Geheimnis mit einer Überraschung gelüftet. Insgesamt ist das Buch eine (farben-)fröhliche Geschichte, die in Bild und Text viel Quatschiges enthält. Sie wird schon kleinen Kindern viel Spaß machen , ist aber auch für Lese- und Schreibanfänger gut geeignet. Die Einfachheit von Bild und Text ermuntert zur Nachahmung und wird die Kinder anregen, selber solche Geschichten zu erzählen und zu malen oder diese Geschichte weiter zu spinnen.

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Wolf Erlbruch:

Frau Meier, die Amsel

Peter Hammer Verlag 1995, 13,90 €, ab 5 Jahren
Herr und Frau Meier sind ein altes Ehepaar. Ihre Welt ist der Haushalt, der Einkauf und der Garten, während er seinen zahllosen Lieblingsbeschäftigungen nachgeht. Frau Meier wird ständig von Sorgen geplagt, realen und irrealen, Sorgen um sich und ihren Mann aber auch Sorgen um ganz fremde Menschen. In Ermangelung tatsächlicher Sorgen denkt sie sich mögliche Katastrophen aus. Das ändert sich schlagartig, als sie im Garten eine aus dem Nest gefallene Amsel findet. Die Aufzucht der kleinen Amsel nimmt sie Tag und Nacht in Anspruch und läßt sie alle anderen Sorgen vergessen. Bei den zunächst vergeblichen Versuchen, der jungen Amsel das Fliegen beizubringen, überkommt Frau Meier plötzlich ein sonderbares Gefühl und sie fängt an selber zu fliegen. Runde um Runde geht das Fliegen besser und man hat den Eindruck, sie tut es nicht der Amsel zuliebe, sondern sich selber. Das Buch ist in der für Erlbruch bekannten Art illustriert: Er verzichtet weitestgehend auf einen Hintergrund, viele Bilder sind durch eine dünne, roten Linie gerahmt, die abgebildeten Gegenstände sind oft vom Bildrand abgeschnitten. Dadurch entsteht der Eindruck, nur einen Ausschnitt zu sehen, eine Momentaufnahme. Tatsächlich zeigen die Bilder auch nur ausschnittweise das im Text Erzählte. Mit dem Beginn der Flugversuche verschwindet der Rahmen, die Bilder werden unbegrenzt wie der Aktionsradius von Frau Meier. Die dargestellten Personen und Gegenstände sind von einer dünnen, schwarzen Linie umgeben und wirken dadurch wie ausgeschnitten, collagenhaft. Auch die Sorgen sind auf den Bildern dargestellt: Als mintgrüne Gegenstände (Kuchen, Knopf) schweben sie wie Sprechblasen über Frau Meiers Kopf und werden von schwarzen, wolkenähnlichen Flecken begleitet, die zunehmend größer werden, bis sie fast das ganze Bild überdecken. Frau Meier trägt auf fast allen Bildern die gleiche schlichte und unauffällige Kleidung und erinnert dadurch an eine dem/der BetrachterIn bekannte Person: die Nachbarin, die Oma, die Mutter, Tante Sowieso. Sie hat einen massigen Körper und erscheint zunächst steif und schwerfällig. Aber ihre Wandlung wird im Bild auch an ihrer Körperhaltung sichtbar: Am Ende streckt sie ihre dicken Oberarme zu einem eleganten Gleitflug über die Stadt aus. Auch im Text wird Frau Meiers Wandlung deutlich. Während sie im 1.Teil der Geschichte nur einen Satz spricht, wird sie im 2.Teil richtig gesprächig. Herr Meier macht auf allen Bildern einen zufriedenen Eindruck. Seine Augen sind von spiegelnden Brillengläsern verdeckt, wodurch er fast immer einen strahlenden, etwas unbedarften Gesichtsausdruck hat. Er ist liebevoll zu Frau Meier, läßt sich aber weder durch ihre Sorgen noch durch die Amselaufzucht aus der Ruhe bringen. Ab Beginn der Flugversuche taucht Herr Meier in den Bildern gar nicht mehr auf, während im Text deutlich wird, dass sich durch die Veränderung seiner Frau auch für ihn neue Betätigungsfelder auftun: Er macht sich Gedanken übers Mittagessen. Erlbruch ist es ausgezeichnet gelungen, durch seine bildnerischen Mittel in Kombination mit dem Text die Wandlung von Frau Meier nachzuzeichnen und ihrem Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen.

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Chris Raschka:

Hey! Ja?

aus dem Amerikanischen von Uwe-M. Gutzschhahn
Hanser Verlag 1997,12,90 €, ab 4 Jahren
Ein Junge spricht einen anderen an, ziemlich cool: He! Hä? – Hey! Ja? – Du! Ich? – Ja, du. Oh. Er bietet ihm seine Freundschaft an, der andere schlägt ein: Ja. Und dann beide: Yeah! So klingt die Wort-Geschichte dieses Buches, ein rhythmisches Hin und Her von Ein-Wort-Sätzen: dong – dong/ dong – dong/ dadong – dong/ usw. Ähnlich karg sind die colorierten Kreidezeichnungen (oder sind es Kohle- oder hochkopierte Bleistiftzeichnungen?), sie versehen den einen Jungen mit einem aktuellen sportlichen Outfit, mit sich vor Kraft ringelnden offenen Schnürsenkeln, den anderen mit einem hoch geschlossen geknöpften weißen Hemd, einer Art Strickjacke und Kindersandalen, den einen mit schwarzer Haut, den anderen mit weißer. Das ist alles; mehr als die Figur zeichnet der Autor nicht, auf der Buchseite befindet sich nur noch das gedruckte Wortbild, keine Umgebung, kein Zusammenhang. Jede Figur wird auf ihrer Seite von kühlem Hellblau oder kühlem Rosa-Violett eingerahmt, so dass es aussieht, als stünde sie in einer Glocke. So wird die Interpretation nahegelegt, dass beide allein sind. So wird aber auch unser Blick auf die Figuren gebündelt, die mit Mimik, Gesten und Körperhaltungen ausdrucksstark "sprechen“ und es bleibt viel Raum, eben auch bildlich, zum Ausspinnen eines Lebenshintergrundes für die beiden Jungen. So, wie die Wörter hin und her fliegen, sind auch die Bilder in Bewegung. Die Figuren neigen sich auf einander zu, dann von einander weg, kippen beide nach links, beide nach rechts, desgleichen „tanzen“ die Gesten und auch die Wortbilder. Gegen Ende, wenn der angesprochene Junge etwas ungläubig auf das Freundschaftsangebot reagiert, wird dem kühlen Hintergrund immer ein bisschen mehr Gelb beigemischt, bis die zwei auf der letzten Seite von warmem Gelb eingerahmt sind. Ein Buch, dass durch seine Idee besticht und seine Wirkung aus der Rhythmisierung der Bilder und Wörter bezieht. Es fällt völlig aus dem Reigen der vielen in epischer und bildlicher Breite erzählenden Bilderbücher. Schon allein deshalb lohnt sich das Anschauen.

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Gregoire Solotareff (Text und Illustrationen):

Du groß, und ich klein

aus dem Französischen von Erika und Karl A. Klewer
Moritz Verlag 1996, 14,80 €, auch Beltz Tb 2004, 5,50 €, ab 4 Jahren
Der Autor erzählt eine vielschichtige Parabel über Groß- und Klein-Sein. Ich lese sie als Eltern-Kind-Geschichte, die eine besondere wird dadurch, dass das Kind trotz der schmerzlichen Erfahrung elterlicher Allmacht darauf verzichtet, seine eigene Stärke und seinen Durchblick auszuspielen, als es die Möglichkeit dazu hat. Die Konstellation der Hauptfiguren, ein kleiner elternloser Elefant hier, der Löwe, König der Tiere da, bietet andere Lesarten an: eine Geschichte über die Veränderlichkeit von sozialen Unterschieden, oder eine über die Bedeutungslosigkeit von sozialen Grenzen in bestimmten Situationen und Lagen. Solotareffs Bilder unterstützen und entfalten die auch im Text vorhandene emotionale Komponente sehr stark. Sie sind auf wenige, konsequent schwarz umrandete, manchmal flächig, manchmal plastisch ausgemalte Motive reduziert. Ihre emotionale Wirkung beziehen sie aber aus ihren großen einfarbigen Farbräumen und vor allem aus der kühnen Verwendung von Rot, Gelb und Blau. Sinnlich wahrnehmbar allein ist der kleine Elefant in weitem Gelb und schwärzlichem Blau, strahlend in roter Robe und roter Krone der König auf seinem Thron, wenngleich schon ein bisschen müde, das große blaue Palasttor wirkt sehr abweisend, beängstigend der wie ein überdimensionales Stillleben gemalte Frühstückstisch des Königs. Groß, das bedeutet auch mächtig, bewunderungswürdig, väterlich, beschützend, großherzig; und klein ist auch ängstlich, abhängig, hilflos, armselig und kindlich. Die Zuschreibung dieser Eigenschaften ist nichts ein für alle Male Festgelegtes, das bringen die Bilder auf den Punkt. Zum Schluss vergewissert sich der altgewordene Löwe: Ich groß, und du klein? Du groß und ich klein, bestätigt der Elefant und fügt hinzu: Jetzt müssen wir aber nach Hause, es wird gleich dunkel. Zu diesem väterlichen Satz des Elefanten geht der König gebeugt im Schatten und im Schutz des Elefanten (unter seinem Bauch) durchs Bild, vermeintlich groß und doch so klein, wie wir sehen können. Solotareff hat ein wunderbares Buch geschrieben und gemalt. Auch Kinder werden sich von der Intensität der Bilder berühren lassen.

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Wiebke Oeser (Text und Illustrationen):

Bertas Boote

Peter Hammer Verlag 1997, 13,90 €, ab 4 Jahren
Aquarell-Malerei ist die in Bilderbüchern mit Abstand am meisten angewandte Technik, deshalb fällt eine so durchgehend grafische Gestaltung wie in „Bertas Boote“ sofort ins Auge. Das Mädchen Berta und viele Einzelheiten hat Wiebke Oeser mit feinem Strich gezeichnet, Räumlichkeiten dagegen oft nur grob mit Kreidestrichen skizziert oder mit Stiften so ausgemalt, dass die Strichführung noch sichtbar bleibt. Lediglich das Seitenformat begrenzt die Bilder, die, so scheint es, eigentlich darüber hinaus wollen. Farblich dominieren Gelb und ein sehr dunkles Violett-Blau, mit Rot werden Akkzente gesetzt, kein bisschen Grün kommt vor, nur das Stoffkrokodil ist grünlich angehaucht. Berta baut sieben Boote, und wie sie das macht! Auf dem Tisch zwischen Bau- und Malutensilien knieend und mit solcher Kraft, dass der Klebefaden aus der Tube in der Luft steht. Nächstes Bild: In Feldherrinnen-Pose betrachtet Berta ihre fertigen Schiffe und dann geht's mit großen Sprüngen zum Strand. Ein ödes Stück Strand, keine Touristengegend, das Meer wird direkt aus dem Abwasserrohr gespeist und ist eher eine riesige Kloake. Plötzlich verschlingt ein gewaltig großer Fisch ausgerechnet das beste, das Piratenboot! Was hat der Nachmittag jetzt noch für Berta zu bieten? Totaler Frust ist eine Möglichkeit (nach der gelben Seite), dem Biest werd' ich's zeigen, eine andere (nach der roten Seite), ihre Geschichte per Flaschenpost in die Welt hinaus schicken, eine dritte (nach der blauen Seite). Die vierte, fünfte ... gilt es selbst zu erfinden, denn natürlich hätte alles noch ganz anders kommen können, aber das Buch ist zu Ende. Wir könnten jetzt rauskramen, was auch Wiebke Oeser für ihre Bilder gebraucht hat: verschiedene Kreiden und Stifte, Kratzer, Tusche und Feder, Farbe und Pinsel und dann wie Berta auf einen Stuhl steigen und mit Zeichnen loslegen. Oder noch den vielen Details Aufmerksamkeit widmen, die auf den Bildern zu entdecken sind, z.B. den wechselnden Schiffsbildern an der Wand, die fröhliche Segelboote, einen untergehenden oder ruhig dahinziehenden Dampfer darstellen, je nach Bertas Stimmung; der Frust-Fraß-Fischdose, in der die Piratenflagge des verschlungenen Bootes zum Vorschein kommt oder E. Munchs Gemälde „Der Schrei“, das am Kühlschrank klebt, und so weiter. Oder noch einmal Berta angucken, sie ist das Beste von allem: eckig, staksig, breitnasig, raumgreifend, mit elektrisiertem feuerroten Krüsselschopf, eine geballte Ladung Energie.

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Nikolaus Heidelbach (Text und Illustrationen):

Prinz Alfred

Verlag Beltz & Gelberg 1983, 7,90 €, ab 5 Jahren
 

Heidelbach treibt ein vergnügliches, gleichzeitig aber auch hintersinniges Spiel mit uns, den LeserInnen, und seinem Protagonisten Alfred. Da ist Alfred im Bild: Ein verschlafenes Schlüsselkind, das zunächst mehr schlecht als recht einen verkorksten Vormittag verbringt und dann abends im Bett doch ganz zufrieden Pläne für den neuen Tag schmiedet. Und da ist Prinz Alfred, sein „Alter ego“, allerdings nur textlich präsent. Dessen Tag verläuft parallel, aber mit „prinzlicher“ Deutung: Alfreds oller Bademantel ist Prinz Alfreds Hermelinmorgenmantel, der Briefträger ist der Blaue Ritter, der Schulranzen die umzuschnallenden Waffen. Umgekehrt, aus Prinz Alfreds Sicht betrachtet, ist sein Hermelinmorgenmantel ein oller Bademantel, der Blaue Ritter der Briefträger ... Die Möglichkeit der wechselseitigen Interpretation schafft den ironisch-witzigen Charakter des Buches, unterstreicht und verwirft gleichzeitig die Eigenständigkeit von Text bzw. Bild. Zunächst irritiert, empfindet man zunehmend Sympathie für diesen unförmigen, hässlichen und hemdsärmelig schlampigen Bild-Alfred, für seine Frechheiten und dafür, wie er seiner Langeweile beikommt. Das ist "eigentlich“ keiner, der eine Prinzessin vor dem Schwarzen Lübars rettet (und er tut es ja auch gar nicht, der Schornsteinfeger rutscht auf einer Bananenschale aus, und Alfred und Elfi machen sich schnell aus dem Staub)! Oder vielleicht doch? Wie alle Heidelbachschen Kinderdarstellungen hat auch Alfred etwas Monströses und Erwachsenes. Merkwürdigerweise wird er genau dadurch zu einer Person. Der Blick der BetrachterInnen kann unter die Oberfläche gehen, auf der er bei so vielen rosig, rundlich, blond und braun gelockt dargestellten Bilderbuchkindern bleiben muss.

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